Eine englische Übersetzung dieser Geschichte befindet sich hier.

ADAM UND EVA vom Reimmichl
Nutzungsrecht bei Verlagsanstalt Tyrolia

Die Geschichte liegt fünfzig Jahre hinter den gegenwärtigen Zeitläuften, weshalb ich sie ohne Bedenken erzählen kann . . . Er hieß Adam und sie hieß Eva. Ihr werdet es nicht glauben, aber es ist keine Erfindung, sondern buchstäbliche Wahrheit. Ihre Taufnamen lauteten wirklich so. Wenn ihr hartnäckig daran zweifelt, könnt und müßt ihr euch die Matrikenbücher in Rainegg aufschlagen lassen. Mit dem vollen Namen hieß er Adam Pichler, und er war Kanzlist beim Bezirksgericht in Raineck. Sie war die älteste Tochter des verwitweten Urhenmachers Gabl in eben genanntem Städtchen und die Gehilfin ihres Vaters in dessen Uhrenladen. Er war ein ehrengeachteter Junggeselle, der zwar nicht mehr zu den Jungen gehörte, gleichwohl aber das heiratsfähige Alter nicht überschritten hatte und immer noch recht proper aussah. Auch ihr tat die Jugend nicht mehr weh, denn sie trug schon dreieinhalb Kreuze auf dem Rücken; doch merkte dem flinken, frischen Mädchen niemand seine fünfunddreißig Jahre an. Er war im Kanzleidienst ein unübertrefflicher Mann, der von seinen Vorgesetzten nicht nur geschätzt, sondern oft mit besonderem Lob augezeichnet wurde. Ganze Berge von Akten häufte er auf, die alle fein säuberlich geschrieben, flott mit Rubrum ausgestattet und registriert waren, so daß auch das schärfste Auge eines Kontrollors nichts daran auszusetzen hatte. Im dienstlichen Verkehr war er äußerst gewandt, und die Amtssprache, oder richtiger die Kanzleisprache, hatte er nicht nur in der Feder, sondern auch so glatt im Mund, daß ihm nie ein Wort fehlte. Im privaten Verkehr aber, das heißt, in allen Worten und Werken, die ins tägliche Leben hineinreichten, war er linkisch und unbeholfen wie ein Enterich auf dem Grasboden. Namentlich fehlte ihm die Gabe der bürgerlichen Sprache. Da wog er jedes Wort so lange auf der Zunge, bis es ihm in den Schlund hinabrutschte, und dan blieb es endgültig verschluckt und verschlungen. Aus diesem letzten Grunde hatte er es noch nie zu einer Freiwerbung gebracht und war im vierzigsten Jahre seines Alters noch ein lediger Junge. Um sotanem Mißstand abzuhelfen, legte sich endlich eine alte Uhr ins Mittel. Der Kanzlist Adam Pichler war die Pünktlichkeit selber. Beim ersten Schlag der Amtsstunde sperrte er die Kanzlei auf, und ehe noch der letzte Schlag verhallt war, saß er schon drinnen am Schreibtisch und kratzte sein Feder über das Papier. Das Hauptverdienst an der Pünktlichkeit aber hatten zwei Uhren — eine Sackuhr und eine Stockuhr —, von denen die erste, wie der Kanzlist versicherte, während eines vollen Monats genau eine dreißigstel Minute, die zweite höchstens eine dreißigstel Sekunde von der richtigen Zeit abirrten. Nun geschah es, daß die ganz akkurate Stockuhr einen Rheumatismus bekam und im Tag fünf bis zehn Minuten zurückblieb. Entsetzt darüber, brachte der Kanzlist die Erkrankte zu Meister Gabl, dem Uhrendoktor. Dieser erklärte, es handle sich nicht um einen gewöhnlichen Rheumatismus oder um eine Verstopfung, sondern um ein bösartiges Übel, das längst schon im Herzen der alten Rumpel steckte und unbedingt eine längere Kur erfordere . . . Die Kur dauerte zwei Wochen, und Kanzlist Pichler rannte jeden Tag zweimal in den Uhrenladen, um sich nach dem Befinden der Patientin zu erkundigen. Da lernte er nun das Fräulein Eva, die Uhrmacherstochter, kennen, die ihm von Tag zu Tag besser gefiel, so daß er nachgerade sein vierzigjähriges Herz an das Mädchen verlor. Mit keinem Menschen hatte er sich noch so gut unterhalten wie mit dem Fräulein Gabl, und das Angenehmste bei der jeweiligen Unterhaltung war ihm, daß er nichts oder fast nichts zu reden brauchte. Während er fünf Worte sprach, hatte das Fräulein schon fünfhundert gesprochen. So recht zum Bewußtsein, daß er im Uhrmachergeschäft etwas verloren habe, kam ihm erst, als nach vierzehn Tagen die kranke Stockuhr vollkommen ausgeheilt war und flinker denn je in seinem Zimmer ihr Pendel schwang. Zu seinem größten Leidwesen hatte er jetzt keinen Anlaß mehr, in das Uhrenmachergeschäft zu gehen, um dort das Verlorene zu suchen. Da fiel ihm ein, es könne auch seiner Sackuhr nicht schaden, wenn er sie einmal in eine gründliche Kur gebe. Gesagt, getan. Aber die Sackuhr war schon binnen drei Tagen vollständig kuriert, und in diesem kurzen Zeitraum fand Herr Adam Pichler nicht nur nicht sein verlorenes Herz, sondern verlor dazu noch seinen Kopf. Er kaufte jetzt von seiner Zimmerfrau eine zerbrochene Weckeruhr und eine verrostete Schwarzwälderuhr, von anderen Bekannten eine Kuckucksuhr, eine ausrangierte Pendeluhr, eine altertümliche Spieluhr, eine längst aus der Mode gekommene Nürnberger Taschenuhr und brachte in kurzen Zwishenräumen eine nach der anderen zum Uhrenmacher Gabl, damit er die störrigen Möbel wieder in Gang bringe. Meister Gabl schüttelte immer bedenklicher seinen Kopf und schöpfte den nicht unbegründeten Argwohn, daß das Räderwerk im Hirnkasten des Adam Pichler locker geworden sei. Seiner Tochter gegenüber äußerte er, der Kanzlist leide an einem unheilbaren Uhrenkoller. Als Herr Adam eines Tages wieder mit einem altersschwarzen Uhrwerk daherkam, traf er das Fräulein allein im Geschäft. Dieses schaute ihn groß an und sagte dann lachend:

„Um Gottes willen, Herr Pichler, haben Sie ein Uhrenmagazin daheim? Wie kommen Sie denn zu den vielen Uhren?“

„Ich habe eine große Vorliebe für Uhren“, erklärte er, „und für alles, was mit den Uhren zusammenhängt.“

Das war die erste zarte Andeutung, womit er dem Fräulein seine Herzensneigung klarzumachen hoffte.

„Was soll mit den Uhren zusammenhängen? Sie meinen wohl das Schlagwerk?“ tat das Fräulein verwundert.

„Nein — nein —, Gott bewahre mich!“ stotterte er; „nach seinem Schlagwerk trag ich kein Verlangen.“

„Sie haben eine Passion für Altertümer, nicht wahr? Darum fahnden Sie überall nach alten Uhren.“

„Da irren Sie sich, Fräulein. Lieber sind mir diejenigen mittleren Alters, oder richtiger, die jungen.“

Das sollte eine weitere Zartheit sein, und Herr Adam beobachtete scharf die Mienen des Fräuleins, was für eine Wirkung ob seiner Schmeichelei darin zu lesen wäre. Doch sah er keine andere Wirkung, als daß das Fräulein ihn ganz verdutzt, ja fast besorgt anschaute. Indessen trat der Uhrmacher zur Türe herein und das zarte Gespräch hatte ein Ende.

In den nächsten Tagen kam Herr Adam Pichler zur Einsicht, daß er doch nicht alle jungen, mittelalterlichen und alten Uhren des Städtchens zusammenkaufen, und anderseits, daß ihn ohne die Uhrmacherstochter das Leben nicht mehr freuen könne. Darum entschloß er sich zu einem mannhaften Schritt. Er blieb eines Abends nach den Amtsstunden noch länger in der Kanzlei, legte einen schönen, weißen Kanzleibogen auf den Tisch, falzte ihn in der Mitte, datierte und signierte ihn fein säuberlich und schrieb dann folgendes Bittgesuch darauf nieder:

An Se. Wohlgeboren, den hochgeschätzten Herrn Rudolf Gabl, Uhrenmachermeister in Rainegg.

Der Endesgefertigte erlaubt sich hiemit, an Euer Wohlgeboren eine untertänigste, diensthöfliche Bitte zu richten. Nach langer und reiflicher Erwägung hat sich Gefertigter entschloßen, den ledigen Stand mit dem ehelichen zu vertauschen. Zu dem Behufe bittet er ebenso ehrenernstlich als inständig, Euer Wohlgeboren mögen ihm die Hand Ihrer Tochter, der wohlangesehenen Fräulein Eva, geben. Er stützt seine Bitte auf folgende Gründe:

a) Bittsteller hat ein Alter erreicht, das ihn befähigt, die Bedingungen eines gedeihlichen Ehestandes wohl zu erfassen, ihm aber nicht mehr gestattet, eine allenfallsige Eheschließung noch weiter zu verschieben.

b) Er bezieht ein monatliches Gehalt von 70 fl., in Worten siebenzig Gulden ö. W., und ist außerdem im Besitze eines väterlichen Erbteiles von 5000 Gulden, worüber er sich jederzeit ausweisen kann und auf Grund welcher Einkommens- bzw. Vermögenslage er glaubt, eine Familie erhalten zu können.

c) Nicht nur die körperlichen, sondern mehr noch die sittlichen und häuslichen Eigenschaften der Fräulein Eva Gabl haben den Bittsteller so sehr für die eben Genannte eingenommen, daß er niemals eine andere heirathen kann und im Falle eines abschlägigen Bescheides auf jedwelche Heirath verzichten muß.

d) Als letzten, doch weniger stichhältigen Grund glaubt Gefertigter hervorheben zu dürfen, daß schon die Taufnamen der zwei präsumptiven Ehewerber — Adam und Eva — als günstige Vorbedeutung gelten können, daß sie einander glücklich machen werden.

Anschließend erlaubt sich der Bittsteller, seine persönliche, aber unmaßgebliche Meinung beizufügen, daß er Euer Wohlgeboren hinlänglich bekannt ist und Sie ihm Glauben schenken werden, wenn er ehrenwörtlich versichert, Ihrer Fräulein Tochter jederzeit ein treuer, besorgter Gatte und Euer Wohlgeboren ein unterthänigster, dienstwilliger Eidam sein zu wollen.

Bezugnehmend auf die oben vorgebrachten Gründe, beziehungsweise auf seine ehrenwörtliche Erklärung harrt Gefertigter einer ehegefälligsten günstigen Erledigung seiner Bitte entgegen und zeichnet mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung

      Euer Wohlgeboren unterthänigster Diener

      Adam Pichler, Kanzlist

Als der Uhrenmachermeister Rudolf Gabl, der neben aller Geschäftstüchtigkeit ein Spaßvogel und Schalk war, das Schriftstück von der Post zugestellt erhielt und durchlas, hosserte er vor Lachen. Eine Zeitlang überlegte er, dann begann er noch krampfhafter zu lachen. Er setzte sich an den Tisch und schrieb folgende Rückäußerung an den amtsläufigen Freiwerber:

Sr. Wohlgeboren, dem ehrengeachteten Herrn Adam Pichler, Bezirksgerichtskanzlisten in Rainegg.

Ihrer diensthöflichen Eingabe ddo. 15. hs., präsent am 16. hs., die für Gefertigten ebenso beachtenswert als ehrend ist, kann leider nicht stattgegeben werden, weil die vorgebrachten Gründe nicht gewichtig genug, beziehungsweise nur zum kleinsten Theile stichhältig sind. Und zwar:

a) Sie haben auf das Alter meiner Tochter keine Rücksicht genommen, das für eine gedeihliche allenfallsige Eheschließung wohl zu weit fortgeschritten sein dürfte.

b) Da dem Gefertigten die Obsorge für noch sechs andere Kinder obliegt, hat seine Tochter Eva keine, beziehungsweise nur eine ganz geringfügige Mitgift zu erwarten, die im argen Mißverhältnis zu der glänzenden Vermögenslage ihres Freiers steht.

c) Sie sind mit meiner Tochter Eva doch zu kurz, beziehungsweise zu oberflächlich bekannt, als daß Sie ein klares Urteil über deren körperliche, sittliche und häusliche Eigenschaften sich bilden könnten.

d) In den zwei Taufnamen der präsumptiven Ehekandidaten vermag Gefertigter keine glückliche Vorbedeutung zu finden; denn wie Ihnen sicherlich bekannt sein wird, ist schon einmal ein Adam mit der Eva in schweres Unglück gekommen.

Abgesehen von all diesen Gegengründen sind dem Gefertigten die Gesinnungen seiner Tochter gegenüber Ihrer Bewerbung vollständig unbekannt und ist Gefertigter nicht kompetent, d. h. nicht hinlänglich maßgebend, um in die Lebensabsichten seiner Tochter entscheidend einzugreifen, weshalb er Ihre Bitte nur im verneinenden Sinne erledigen kann.

Gegen diesen Bescheid steht Euer Wohlgeboren der Rekurs offen an die nächst höhere Instanz, das ist meine Tochter Eva. Jedoch ist die Berufung nicht im schriftlichen Wege, sondern für alle Fälle mündlich einzubringen, und zwar innerhalb vier Wochen vom heutigen Tage an. Ihnen dies zur Kenntnisnahme vorlegend, zeichnet in besonderer Hochachtung

      Euer Wohlgeboren ergebenster

      Rudolf Gabl, Uhrenmachermeister

Diese Antwort auf seine untertänige Bittschrift weckte im Herzen des Brautwerbers gemischte Gefühle. Anfangs erschrak er, dann stutzte er und zuletzt kam er wieder in zuversichtlichste Stimmung. Rekurrieren (Berufung einlegen) war von jeher seine Freude und seine Stärke gewesen. Dutzende von Berufungen hatte er schon mit Erfolg durchgeführt, und niemand verstand besser, tadellose Rekursgesuche mit befestigten Gründen und entkräftenden Gegengründen abzufassen als der Kanzlist Adam Pichler. Fatal und unangenehm war diesmal nur, daß er den Rekurs nicht schriftlich, sondern mündlich einbringen mußte. Doch zögerte er nicht lange. Am andernächsten Tag war des Kaisers Geburtstag, da mußte er ohnehin seine Festtagsgarderobe anziehen, alle Ämter hatten Ferien, und so war dieser Tag wie geschaffen zur Ausführung des großen Werkes. Frühzeitig am Nachmittag, wo die Geschäfte am wenigsten von Kunden überlaufen waren und der Uhrenmacher Rudolf Gabl gewöhnlich sein Mittagsschläfchen zu persolvieren pflegte, rückte Herr Adam in Frack und Zylinder im Uhrenmacherladen auf. Die Gründe, Untergründe und Gegengründe hatte er alle im Hirn scharf ausgeklügelt und für den Mund zurechtgelegt. Wie er erwartet, traf er dei Urhenmacherstochter allein im Laden. Er klappte seinen Zylinderhut zusammen, schob ihn unter den Arm und machte eine abgehackten Knix, worüber das Fräulein lachen mußte. — Doch schon rief es laut:

„Aber Sie, Herr Pichler, heute sind Sie fein beisammen! Sie kommen wohl gar von einer Hochzeit?“

„Nein, mit der Hochzeit hat es noch sein Bewenden“, entgegnete er, „heute ist nur das Geburtsfest Seiner Majestät.“

„Ah ja, richtig. Aber da haben Sie sich flott herausstaffiert. Sie sind heute um zehn Jahre jünger.“

„Und Sie, Fräulein Gabl, sind laut Taufmatriken um ein Zwanzigstel Jahrhundert jünger als ich, stehen also noch im schönsten Jugendalter.“

„Daß Herr Pichler so fein schmeicheln könnte, hätt ich gar nicht gedacht“, lachte das Mädchen; „aber aufrichtig gesprochen, fühle ich mich selber noch ganz jung.“

„Das freut mich zu hören, aaah“, atmete er erleichtert auf.

Gottlob, der erste Stein des Anstoßes war schon aus der Welt geschafft. Jetzt galt es dem zweiten. Aber dieser war gänzlich dem Hirnkasten des Herrn Adam entrollt, so daß er ihn nicht mehr finden konnte. Da half ihm unbewußterweise wieder das Fräulein, indem es sagte:

„Sie werden mich für ein eitles, selbstgefälliges Ding anschauen.“

„Nein, nie, nie!“ beteuerte er heftig. „Ich kenne Sie schon lange genug, um sagen zu dürfen, daß ich Sie für ein Frauenzimmer ansehe, das mit den trefflichsten Eigenschaften ausgestattet ist, in jeder Hinsicht, in allen Belangen.“

„Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, kann ich Ihnen nur dankbar sein.“

Jetzt war der zweite Stein weggewälzt. Das Ding ging ja wie gebuttert. Nun muß schnell der dritte Stein an die Reihe kommen. Diesen konnte aber der Herr Adam trotz angestrengtesten Grübelns in keinem Winkel seines Hirnkastens mehr ausfindig machen. Er schluckte und zwängte an einer Rede und kratzte hinter den Ohren. Wenn er sich doch ein paar Notizen beziehungweise ein paar kurze Schlagworte aufgeschrieben hätte! . . . Da fragte das Mädchen:

„Sie möchten wohl Ihre Nürnberger Taschenuhr abholen? Leider ist sie noch nicht . . .“

„Die Uhr kann noch ein halbes Jahr und länger hierbleiben“, versicherte er. „. . . heute habe ich die Absicht, den Rekurs anzumelden beziehungsweise einzubringen.“

„Waas? Den Konkurs anmelden wollen Sie?“ rief das Mädchen bestürzt.

„Sie mißverstehen mich, Fräulein Gabl. Es handelt sich um keinen Konkurs, sondern um einen Rekurs, das heißt um eine Berufung.“

„Eine Berufung? Was soll das sein?“

„Ich habe an Ihren Herrn Vater eine Eingabe gemacht, die abschlägig beschieden wurde. Der Herr Vater wird Ihnen davon gesagt haben.“

„Nichts hat er mir gesagt! Keine Silbe!“ beteuerte das Fräulein.

„Wie? Wie? Wie? . . . Nichts gesagt? . . . Das ist mir unerklärlich . . . Er hätte es Ihnen sagen müssen“, stotterte der Herr Adam in Schrecken und Verwirrung. „. . . Da . . . da . . . da . . . ich bin in furchtbarer Verlegenheit.“

Das Fräulein, dem immer noch das Wort „Konkurs“ in den Ohren klang, glaubte nichts anders, als daß der Kanzlist sich durch seine Uhren- und Altertumsliebhabereien in Schulden gestürzt habe und jetzt in schwerer Geldverlegenheit sei. Mitleidig schaute es den Mann in seiner jämmerlichen Haltung an und sagte dann mahnend:

„Herr Pichler, nehmen Sie mir es nicht übel — aber ich glaube, Sie sollten Ihr schönes Geld nicht für nutzlose Uhren und Altertumssachen wegwerfen und sich in diesen Dingen etwas einschränken.“

„Ja, ja, Fräulein, ich werde mich jederzeit nach Ihren Wünschen richten“, versicherte er; „Sie brauchen nur Ihren Willen zu äußern, ich werde stets mich darin fügen.“

„Die Hauptsache wäre jetzt, Ihnen aus Ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich will mit dem Vater sprechen.“

„Nein, das hilft nichts. Der Herr Vater hat meine Eingabe schon im verneinenden Sinn erledigt. Mir bleibt nur der Ausweg, mich an Ihr gutes Herz zu wenden.“

„Mein Gott, ich bin ein armes Mädchen — es sind unser viel Kinder —, mein ganzes Vermögen besteht in zweihundert Gulden, die ich von der Mutter geerbt hab.“

„Fräulein, das genügt vollkommen. Zweihundert Gulden sind ein schönes Geld. Und überhaupt, Sie brauchen kein Geld.“

„Man weiß nie, was man braucht. Und dann — dann — Sie würden mir das Kapital vielleicht erst in langer Zeit zurückerstatten können.“

„Zurückerstatten? Zurückerstatten?“ stutzte er. „Jederzeit — in einem Monat, in vierzehn Tagen — morgen — heute — wann Sie wollen! Sie brauchen überhaupt keinen Kreuzer Geld mitzubringen. Ich beanspruche keine Mitgift.“

Da wurde die Uhrenmacherstochter puterrot, scharlachrot, brennrot vom Hals bis über die Ohren. Sie riß Mund und Augen auf wie die Sonnenuhr an der Kirchenmauer und schrie:

„Herr Pichler, ich bitte Sie hunderttausendmal um Verzeihung! — Aber Sie sind selber schuld mit Ihrem närrischen Herumreden, daß ich auf den Gedanken kam, Sie wären in Geldverlegenheit und wollten von mir ein Darlehen nehmen.“

„Nein, danke bestens. Meine Vermögensverhältnisse sind durchaus in Ordnung beziehungsweise so ausreichend, daß ich gut eine Familie erhalten kann.“

Das Fräulein wurde abermals rot, jedoch nich mehr purpurrot, sondern bloß mehr ziegelrot, und fragte schüchtern:

„Was wünschen Sie denn eigentlich von mir, Herr Pichler?“

„Ich möchte Sie freundlichst bitten, Ihren Herrn Vater zu überzeugen, daß zwei Menschen, obwohl sie Adam und Eva heißen, trotzdem miteinander glücklich werden können.“

„Sie, Sie — Herr Pichler, Sie!“ schrie das Mädchen stotternd, „Sie sind nicht so dumm, wie Sie . . . pardon, Sie sind ein Schlaufuchs, Sie haben es faustdick hinter den Ohren.“

„Fräulein Gabl, können Sie meine Bitte erfüllen?“

„Ja, ja . . . sehr gern — wenn ich Ihnen gut genug bin. Aber Sie hätten nicht so lange herumreden, sondern gleich sagen sollen, was Sie herführt, dann wären wir schneller eins geworden.“

Sie reichte ihm die Hand, die er herzhaft drückte.

„Fräulein Gabl, ich danke Ihnen hunderttausendmal“, rief er; „Jetzt ist alles gut. Jetzt freut mich das Leben wieder, und ich brauche keine alten Uhren mehr zu kaufen.“

Vier Wochen später hielten die beiden Hochzeit. — Ein Jahr später hatte Frau Eva den Herrn Adam im außeramtlichen Menschenverkehr und in der weltläufigen Umgangssprache schon so gründlich unterrichtet und eingeübt, daß er es mit jedem Roßtäuscher aufnehmen konnte. Und daß die Ehe eine sehr glückliche geworden ist, können ein Dutzend Kinder bezeugen, die daraus hervorgegangen sind und die heute noch leben.